Vereine aus der Retorte
Bayer 04 Leverkusen, unser heutiger Gegner ist wohl das bekannteste Beispiel für Vereine aus der Retorte. Das Image des „Plastikklubs“ wird der Verein von der anderen Rheinseite trotz offensivem und erfolgreichem Fußball, Teilnahmen im Europapokal und mehreren Vizemeisterschaften nicht los. Besonders im Duell mit unserem Club werden die gängigen Klischees vom großen Traditionsverein und dreifachen deutschen Meisters mit der großen Fanbasis auf der einen Seite und dem aktuell sportlich erfolgreicheren Verein mit dem potenten Geldgeber im Rücken und ohne nennenswerte Erfolge in der Vergangenheit auf der anderen Seite bedient. Natürlich liegt es uns fern an dieser Stelle Phrasen zu dreschen und die üblichen Klischees zu bedienen, aber die Thematik rund um solche Vereine ist in unseren Augen wichtiger und aktueller denn je.
Der deutsche Meister kommt aus Wolfsburg und gehört de facto zum VW-Konzern, in Österreich scheint die Dominanz von Red Bull Salzburg fast ungebrochen und Dietmar Hopps TSG Hoffenheim spielte sich in der vergangenen Hinrunde in die Herzen der Medienvertreter. Selbst im unterklassigen Fußball lässt sich diese Liste problemlos fortführen. In der Oberliga versucht Red Bull beim SSV Markranstädt nach dem Einstieg in Österreich und den USA, auch den deutschen Fußball zur Platzierung seiner Marke zu nutzen und in der 3. Liga geht der SV Wehen Wiesbaden auf Punktejagd. Ursprünglich war der Verein in der hessischen Gemeinde Taunusstein beheimatet und hatte den sportlichen Aufstieg bis in die 2. Bundesliga größtenteils seinem Gönner Heinz Hankammer zu verdanken. Der Gründer eines großen Wasserfilterherstellers unterstütze den Verein finanziell und im infrastrukturellen Bereich. Solche Förderer und Mäzene sind im Fußball seit jeher nicht Ungewöhnliches, die SG Wattenscheid 09 spielte in den 90er Jahren dank der Unterstützung von Klaus Steilmann in der Bundesliga und unser Lokalrivale Fortuna Köln hat die jahrelange Zugehörigkeit zur 2. Bundesliga hauptsächlich Jean Löring zu verdanken. Schlussendlich ist die Gründung unseres Fußballclubs ebenfalls eng mit einer Person, nämlich Franz Kremer verbunden. Der deutsche Fußball wurde also von solchen Persönlichkeiten geprägt, aber wieso hegt sich aktuell so großer Widerstand gegen die heutigen „Macher“ in der Bundesliga bzw. im deutschen Fußball? Woher kommt z.B. die Ablehnung gegen Dietmar Hopp und sein Projekt? Wo liegen die Unterschiede im Denken und Handeln eines Herrn Hopp heute und eines Herrn Kremers vor über 60 Jahren?
Eine sicherlich provokante Frage und These, die wir natürlich nicht in dieser Form stehen lassen wollen. Zunächst muss die Gründung unseres 1. FC Köln vor dem historischen Hintergrund betrachtet werden. Im zerstörten Nachkriegs-Köln waren die einzelnen Clubs aus den verschiedenen Veedeln schwer von den Kriegsschäden gezeichnet. In der ersten Saison der neugeschaffenen Oberliga West stiegen mit dem VfR Köln und Preußen Dellbrück – zwei Vorgängervereine des SCB Viktoria Köln – die beiden einzigen Vertreter unserer Domstadt ab und in der kommenden Saison fand die höchste westdeutsche Fußballliga ohne einen Vertreter aus Köln statt. Um diesen Zustand zu ändern, versuchte Kremer mit der Idee eines Kölner Großklubs hervorgehend aus der Fusion seines Kölner BC und der SpVgg Sülz 07 den Fußball in Köln überregional konkurrenzfähig zu machen und zu Beginn dieser neuen Epoche im west- bzw. bundesdeutschen Fußballs zu etablieren.
Er warb für dieses Vorhaben mit dem legendären Ausspruch:“Wollen Sie mit mir Deutscher Meister werden?“ Anschließend war „der Boss“ 19 Jahre lang Präsident unseres Clubs und maßgeblich an der Gründung der Bundesliga beteiligt. Ein Vergleich zum Einstieg Dietmar Hopps in Hoffenheim wäre also nicht nur anmaßend, sondern auch schlicht und ergreifend aus dem Zusammenhang gerissen. Während Franz Kremer in beeindruckender Weise an der Schaffung der Strukturen beteiligt war, die diesen Sport erst zum Volkssport in Deutschland und Köln machten, setzte sich Herr Hopp bedenkenlos über diese gewachsenen Strukturen hinweg und schuf ein künstliches Produkt mit seinen Millionen. Ein Konstrukt, eben ein typischer Retortenklub ohne gewachsene Fußball- und Fankultur. Die einzelnen Gründe unserer Ablehnung solcher Modelle haben wir bereits oft in unseren Medien publiziert und mit den verschiedensten Argumenten belegt, daher möchten wir es an dieser Stelle bei einem kurzen Anriss belassen. Die Art und Weise der Unterstützung und Förderung des Fußballs und der Vereine hat sich also grundlegend verändert.
Während der Wattenscheider Textilunternehmer Steilmann seinen Verein aufgrund der Verbundenheit zu seiner Heimatstadt unterstütze, scheinen solche Werte im Management und Präsidium des SV Wehen Fremdwörter zu sein. Die erste Mannschaft des Vereins wurde kurzerhand nach Wiesbaden umgesiedelt, um die Marke „Fußball“ besser zu positionieren. Übrigens hatte Dietmar Hopp ähnliche Pläne im Bezug auf einen Umzug nach Heidelberg. Solche Ideen wären Klaus Steilmann sicher nie in den Sinn gekommen, selbst die Eingemeidung nach Bochum im Zuge der Gebietsreform 1975 traf ihn so tief, dass er bis heute einen Wagen mit Essener Kennzeichen fährt, um das Auto nicht in Bochum anmelden zu müssen. Natürlich schwingt in diesen Zeilen eine gehörige Portion Nostalgie mit und wir sind und bewusst, dass der Fußball stetig Veränderungen ausgesetzt ist. Im Laufe der Jahren stiegen immer wieder neue Clubs in die Bundesliga auf und in den meisten Fällen ohne sich über einen längeren Zeitraum zu etablieren. Vereine wie Waldhof Mannheim, der SSV Ulm oder Mainz 05 sind einige Beispiele, die nicht auf eine so große erfolgreiche Vergangenheit wie der 1. FC Kaiserslautern, der VfB Stuttgart oder Schalke 04 zurückblicken können, aber sich die sportliche Berechtigung in der höchsten Spielklasse antreten zu dürfen verdient haben. Eine Legitimation, die wir den eben erwähnten Retortenklubs und auch den Werksvereinen zu einem gewissen Grad absprechen.
Selbstverständlich ist die Beziehung von Wirtschaft, Industrie und dem Fußball fast so alt, wie der Fußball selbst. Die Vereine im Ruhrgebiet konnten sich von der Zeit ihrer Gründung bis in die 50er Jahre der Unterstützung einzelner Zechen und der Schwerindustrie sicher sein. Der italienische Rekordmeister Juventus Turin ist bekannt für seine Nähe zum italienischen Autohersteller Fiat. Insbesondere die engen Verbindungen zur Familie Agnelli sind bis heute nahezu legendär. Giovanni Agnelli senior war eines der acht Gründungsmitglieder des Konzerns und seine Enkel Gianni und Umberto leiteten nicht nur Fiat, sondern waren nach Tätigkeiten in der Vereinsführung Zeit ihres Lebens glühende Anhänger und Ehrenpräsidenten der „Alten Dame“. Eine Verbindung zum deutschen Meister Wolfsburg scheint auf der Hand zu liegen. Schließlich werden die Niedersachsen auch vom örtlichen Automobilhersteller im großen Stile unterstützt. In Turin ist die Familie zwar Mehrheitseigentümer des Vereins, aber Juve ist finanziell nicht einzig und allein abhängig von Familie und Unternehmen.
Der VfL befindet sich hingegen zu 100% im Besitz der Volkswagen AG, ohne deren Unterstützung ein solcher Aufstieg bis hin zur Deutschen Meisterschaft nicht möglich gewesen wäre. Der Verein dient dabei natürlich hauptsächlich als Werbemittel, um die Marke durch die Beliebtheit des Fußballs noch besser zu positionieren. Eine Art des Sponsorings, dass in unseren Augen den Rahmen sprengt und vergleichbar mit dem dem Konzept des Getränkeherstellers Red Bull ist.
Allerdings ist das Engagement von VW in Wolfsburg und Bayer in Leverkusen historisch bedingt und die beiden Städte sind ohne die Unternehmen nicht denkbar. Jedoch berechtigt diese Verbindung noch lange nicht dazu, den Fußball auf diese Art und Weise zu „missbrauchen“ und sich mit den erwirtschafteten Konzern-Millionen eine eigene Fußballabteilung in der Spitzengruppe der Bundesliga zu halten. Uns fehlt vor diesem Hintergrund die Verhältnismäßigkeit und ein solcher Eingriff in die Kultur und Struktur des Fußballs wird mittel- und langfristige Folgen haben. Solche Vereine, Projekte, Modelle oder Konstrukte werden niemals die selben Emotionen, die selbe Leidenschaft hervorrufen und soviele Menschen bewegen, wie unser 1. Fußballclub Köln oder vergleichbare Traditionsvereine. Ein solcher Fußball ist für uns ein Schreckgespenst und nicht mit unseren Idealen und Werten zu vereinbaren, daher stellen wir uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diese Entwicklungen.
Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!